Marburg. Diskutieren Politiker über alte Menschen, dann geht es oft um neue Wohnformen, um altersgerechten Ausbau von Wohnungen, um Pflegeeinrichtungen. Angesichts einer älter werdenden Gesellschaft sind dies wichtige Themen. Doch viele alte Menschen in Marburg bewegt eine – nur auf den ersten Blick – banale Sorge: Wo kriege ich Lebensmittel her? Natürlich aus dem Supermarkt, mag mancher antworten. Doch was ist, wenn alte Menschen zwar noch alleine wohnen können, aber zu gebrechlich sind, um alleine einzukaufen? Oder wenn sie als Corona-Risikogruppe angesichts dramatisch steigender Infektionszahlen den Einkauf in einem Supermarkt scheuen? Dann sieht es ganz schlecht aus in Marburg.

„Marburg ist katastrophal schlecht aufgestellt“

„Die Altenplanung der Stadt Marburg hat sich viele gute Dinge auf die Fahnen geschrieben, um das Leben im Alter zu erleichtern. Was uns aber auffällt, ist, dass Marburg katastrophal schlecht aufgestellt ist, was Lebensmittellieferungen betrifft.“ Dies beklagt Marianne Gruber (71, Name von der Redaktion geändert). In Marburg haben die großen Supermärkte tegut, Rewe und Edeka nach und nach ihre Lieferdienste für alte oder kranke Menschen fast völlig eingestellt. Die Gründe sind nach einer OP-Umfrage unterschiedlich: Mal gab es Probleme mit dem externen Lieferdienst, mal mit Hygienevorschriften, mal hat es sich einfach nicht gelohnt. Es sei ein Riesenproblem in Marburg, gibt ein Vertreter eines Supermarkts unumwunden zu. tegut hat nach wie vor einen Liederdienst, wie Matthias Pusch, Leiter der Unternehmenskommunikation, auf OP-Anfrage mitteilte. Aber dafür müssen Kunden in den Markt kommen und ihre Einkäufe selbst ganz normal erledigen. Erst dann können sie dem Personal mitteilen, sich die Einkäufe nach Hause liefern zu lassen. „Wer bis 13:30 Uhr im Markt war, bekommt seine Einkäufe noch am selben Tag durch einen Kurierservice geliefert – selbst in die mit Autos schwer zu erreichende, enge Oberstadt. Diesen Service bieten wir Montags bis Freitags an“, so Pusch. Eine telefonische Bestellannahme sei aus logistischen Gründen nicht möglich.

„Ich bin durch Corona auf die Situation gestoßen“, sagt Marianne Gruber. Ihr Mann sei 91 Jahre alt, auch sie gehöre mit 71 zur Corona-Risiko-Gruppe. Sie habe alle Supermärkte angerufen und nach Lieferdiensten gefragt. „Das Ergebnis war erschütternd“, sagt sie. In manchen Märkten könne man online bestellen und die Ware abholen. Doch was sei mit den vielen Menschen, die Lebensmittel weder online bestellen noch aus gesundheitlichen Gründen abholen könnten? Die seien auf Nachbarschaftshilfe angewiesen oder auf Verwandte, so Gruber. „Zum Teil kommen Kinder oder Familienangehörige einmal pro Woche bis zu 200 Kilometer angereist, um diese elementare Versorgungslücke zu schließen“, weiß sie aus ihrer Nachbarschaft. Angesichts der kommenden dunklen Jahreszeit gehe bei alten Menschen in ihrer Nachbarschaft die Angst um. „Ich finde, es ist ein Skandal in einem reichen Land wie Deutschland, in einer wohlhabenden Stadt wie Marburg“, sagt die 71-Jährige.

Auch ohne Corona ist die Einkaufssituation für alte Menschen in Marburg schon dramatisch, die Pandemie verschärft die Lage zusätzlich. Das Problem ist inzwischen in Marburger Gremien angekommen. Es wurde zum Beispiel im Seniorenbeirat diskutiert. Der Vorsitzende Hans-Joachim Wölk meint: „Es ist aus meiner Sicht ein wichtiges Thema. Alte Menschen sind praktisch auf Hilfe der Nachbarn angewiesen, wenn sie denn jemanden finden, der für sie einkaufen geht.“ Früher hätten ältere Menschen in Marburg per Bestellkarten Lebensmittel ordern können. „Die wurden dann nach Hause geliefert und mit der Lieferung konnte man die nächste Bestellung aufgeben.“ Die Einkaufssituation in Marburg sei für alte Menschen „absolut unbefriedigend“, so Wölk. „Diese Dinge gehören meiner Ansicht nach zur öffentlichen Daseinsvorsorge. Im Zweifel muss man die Stadt mit den Supermärkten an einen Tisch bringen und nach Lösungen suchen.“

Ähnlich sieht dies Doris Heineck von der Freiwilligenagentur Marburg. Die Agentur vermittelt Unterstützung etwa über die Corona-Hilfe: Einkäufe, Botengänge oder Versorgung von Haustieren. Die Freiwilligenagentur habe ebenfalls Rückmeldungen bekommen, dass Supermärkte ihren Lieferservice eingestellt hätten. „Man muss sich mit ihnen zusammensetzen, um diesen Service zu erhalten“, meint sie.

2 500 Menschen
über 80 leben in Marburg

Die Gruppe der Betroffenen wird unterdessen nicht kleiner. Die deutsche Gesellschaft altert zusehends. In Marburg leben laut der Sozialplanung der Universitätsstadt rund 11 000 Menschen, die älter als 65 Jahre sind. Fast 2 500 sind älter als 80.

Wie es anders geht, zeigt der Rewe-Markt in Sterzhausen. Er hält einen Lieferservice aufrecht. „Man kann bei uns telefonisch oder per Whatsapp bestellen, wir packen die Bestellungen zusammen und ein externes Team liefert es aus“, sagte eine Mitarbeiterin der OP. Das „A-Team“ rufe jeden Tag an und liefere gegen eine Gebühr auch bis nach Marburg. Das aber muss man sich leisten können.